Dürfen wir alle Menschen mit afghanischer Herkunft durch die gleiche Brille sehen?

Wir, die Interessensgemeinschaft der Afghanischen Studierenden und SchülerInnen möchten mit diesem Schreiben auf den Mordfall von Leonie eine klare Position beziehen. Gleichzeitig sehen wir es als unsere Pflicht die diesbezüglichen Entwicklungen der letzten Tage nicht unkommentiert  zu lassen.

IGASuS verurteilt den Mord an Leonie auf das Schärfste. Es ist unfassbar, was in Wien Donaustadt passiert ist. Unser tiefes Mitgefühl gilt den Eltern von Leonie und ihren Angehörigen. Das hätte nie passieren dürfen. Die gesamte afghanische Gemeinschaft steht unter Schock.

Wir sagen auch klar und deutlich: die Handlung der Angeklagten repräsentiert auf keine Weise die Menschen mit afghansicher Staatsbürgerschaft oder Herkunft und ganz sicher auch keinen Menschen mit einem gesunden Verstand!

Wer sind die Angeklagten?

Den Medien entnommen, handelt es sich um Menschen mit afghanischer Herkunft, die in Österreich den Asylantrag gestellt haben. Laut Kurier (Online-Ausgabe von 1. Juli 2021) sind drei von vier Personen einschlägig vorbestraft. Basierend auf diesen Informationen stellt sich die Frage, ob dieses Verbrechen hätte verhindert werden können? Ja, lautet unsere Antwort. Dieses Verbrechen hätte verhindert werden können, ebenso wie der Terroranschlag vom November 2020 (wenn die nachrichtendienstlichen Informationen ernstgenommen worden wären). Daher unterstützen wir die angedachte Amtshaftungsklage gegen die Republik seitens des Anwalts der betroffenen Familie.

Wir sind eindeutig für die Bestrafung der Beschuldigten. Unabhängig von der Nationalität muss jeder Täter die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen. Das gilt auch für Politiker die Amtsmissbrauch begehen. Alle BürgerInnen sind vor dem Gesetz gleich.

Wie wird der Fall medial präsentiert?

Seit dem schockierenden Fall steht die gesamte afghanische Gemeinschaft wieder einmal im Mittelpunkt der medialen Berichtserstattung. Die Berichtserstattungen sind komplett einseitig, die die gesamte Gemeinschaft unter Generalverdacht stellt. Wir halten es nicht für zielführend, eine ganze Gemeinschaft an den Pranger zu stellen und in den Medien zu kriminalisieren. Unser dringlicher Appell an die Medien und die Politik ist nicht wegen den Taten von Einzelnen eine gesamte Gemeinschaft zu verdächtigen und kriminalisieren. Wir sind fest davon überzeugt, dass eine solche Generalisierung eine negative Auswirkung auf das harmonische Zusammenleben in der Gesellschaft haben wird.

Erinnern wir uns an die Berichtserstattungen über die afghanische Gemeinschaft nach der Flüchtlingswelle 2015. Wenige Menschen in der Gemeinschaft hatten zuvor von Diskriminierung oder Benachteiligung bei der Arbeits-, oder Wohnungssuche erzählt. Die Jugendlichen hatten nicht allzu große Schwierigkeiten eine Lehrstelle zu finden. Die Gemeinschaft war den Entwicklungen und dem Leben in Österreich gegenüber positiv eingestellt. Dieses Bild hat sich drastisch verändert durch die negativen und einseitigen Berichtserstattungen seitens der Medien und der Politik, die die gesamte afghanische Gemeinschaft unter Generalverdacht gestellt haben.

Seit dem schrecklichen Fall vor zwei Wochen, stellen wir fest, dass sich die Geschichte wiederholt.

Wie geht die Politik mit diesem Fall um?

Der Bundeskanzler sagt: “Wir werden hier nicht zur Tagesordnung übergehen”. Wir teilen die Meinung vom Bundeskanzler. Die Täter müssen die Härte des Gesetzes serviert bekommen und zwar mit voller Wucht. Gleichzeitig mahnen wir aber zur Sachlichkeit. Die Politik sollte nicht den Fehler begehen, diesen tragischen und abscheulichen Fall zu emotionalisieren und instrumentalisieren, um Eigenpolitik zu betreiben. Stattdessen sollte sich die Politik darüber Gedanken machen wie die Integration von Menschen mit Migrations-, oder Fluchthintergrund in Österreich gefördert werden kann. Dabei darf die Politik auch ruhig selbstkritisch sein und die Effizienz ihrer Maßnahmen sachlich hinterfragen: z.B. die langen Wartezeiten während des Asylverfahrens, wobei die Betroffenen währenddessen gesetzlich weder arbeiten noch eine Ausbildung machen dürfen; die Kürzungen von AMS-Geldern, die die Integration von diesen Menschen in den Arbeitsmarkt hätte fördern sollen; oder das Konzept der Wertekurse.

Wie steht es um die Menschen mit afghanischer Herkunft in Österreich?

Um es auf den Punkt zu bringen: wir haben in vielen Bereichen Aufholbedarf! Die Frage ist nun, ob die gesamte Gemeinschaft in den gleichen Topf geworfen werden darf, weil einzelne Individuen aus der Reihe tanzen?

Wir möchten ausdrücklich festhalten, dass wir die österreichische Verfassung und die Demokratie respektieren, akzeptieren und verteidigen. Wir lehnen kategorisch jede Art von Gewalt ab und verurteilen diese auf das Schärfste.

Was wird in der afghanischen Gemeinschaft unternommen, um die alten Mauern zu durchbrechen?

Die junge Generation ist bemüht Lösungen zu finden. Erstens organisieren wir uns in Vereinen (wie zum Beispiel die Vereine “IGASuS“, „AKIS“, oder „Neuer Start“) und stellen fest welche Probleme existieren. Im zweiten Schritt diskutieren wir diese Themen ganz offen und sachlich – in Begleitung von Experten und unter der Beteiligung von Frauen und Männern. Im weiteren Schritt diskutieren wir diese Themen mit den Eltern.

Als zweite Maßnahme für die Durchbrechung der alten Mauern, fokussieren wir uns auf die Bildung. IGASuS hat sich zum Ziel gesetzt die Gemeinschaft im Bereich Bildung zu unterstützen. Der Verein ist überzeugt davon, dass Bildung eine effektive Maßnahme ist Integration in der Gesellschaft zu fördern (für nähere Information: igasus.org).

Unser Vorschlag um die Effizienz der Integrationsmaßnahmen zu steigern:

Gesellschaftspolitische und soziale Fragen können nicht einseitig gelöst werden. Es müssen alle Beteiligten inkludiert werden.

Wir wollen mit am Tisch sitzen und mitdiskutieren. Wir sind entschlossen, mit den politischen Entscheidungsträgern zusammenzuarbeiten, um gemeinsam an den nötigen Schrauben zu drehen. Wir sind davon überzeugt, dass nur durch Inkludierung aller Beteiligten eine effiziente Lösung gefunden werden kann.

Wir fühlen uns unserer Heimat – Österreich – verpflichtet, diesen Weg gemeinsam zu bestreiten. Also lasst uns gemeinsam und sachlich die Themen anpacken!

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